#fantastischeFRAUEN

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Das Projekt #fantastischeFRAUEN widmet sich der Frage,
welchen Anteil Frauen an der deutschsprachigen Science-Fiction und Fantasy Literatur haben.

18.12.21 - Analyse der Datenbank von Libri

1. In der Science-Fiction dominieren die Männer, in der Fantasy die Frauen

Im Bereich Science-Fiction dominieren bei Libri klar die männlichen Autoren. Auch die Anzahl der von Männern verfassten Science-Fiction Werke ist deutlich höher als die von Autorinnen.

Im Bereich Fantasy ist hingegen seit 2017 sowohl der Anteil der weilblichen Autorinnen, die mindestens ein Werk veröffentlich haben, als auch die Zahl der insgesamt von Frauen geschriebenen Werke größer als bei den männlichen Kollegen!

Libri hat wesentlich mehr Fantasy Autor*innen als Science-Fiction Autor*innen im Angebot: Für 2016 erstveröffentlichte Autor*innen beträgt das Verhältnis von Fantasy zu Science-Fiction 2,54 : 1 , für 2020 3,91 : 1
Die Tatsache, dass von Männern geschriebene Phantastik nahezu viermal so häufig rezensiert wird wie die von Frauen, bedeutet also vor allen im Bereich Fantasy eine Unterrepräsentation der Frauen!

Diese Grafiken zeigen das Verhältnis von Science-Fiction und Fantasy Autor*innen an, von denen mindestens 1 Werk lieferbar ist, das im jeweiligen Jahr veröffentlicht wurde.

Quelle: Theresa Hannig nach Daten von Libri GmbH, 2021

Quelle: Theresa Hannig nach Daten von Libri GmbH, 2021

Diese Grafiken zeigen die von Libri lieferbaren Science-Fiction und Fantasy Werke an, die im jeweiligen Jahr erstmalig veröffentlicht wurden.

Quelle: Theresa Hannig nach Daten von Libri GmbH, 2021

Quelle: Theresa Hannig nach Daten von Libri GmbH, 2021

2. Deutsche Phantastik - vor allem Fantasy - emanzipiert sich quantitativ vom englischsprachigen Markt

Die Anzahl der originär auf Deutsch erscheinenden Fantasy und Science-Fiction Werke hat sich seit 2016 von 102 auf 499 nahezu verfünffacht, während die Zahl der Übersetzungen lediglich um 70% (von 153 auf 261) gestiegen ist.

Diese Grafik zeigt, wie viele im jeweiligen Jahr erstveröffentlichte Übersetzungen bzw. originär deutschsprachige Werke Libri liefert.

Quelle: Theresa Hannig nach Daten von Libri GmbH, 2021

3. Das Barsortiment von Libri bildet nur einen Bruchteil der existierenden Science-Fiction-Literatur ab.

Für das Jahr 2016 hat Christian Pree 941 Science-Fiction Werke gesammelt – Libri liefert für das Gleiche Erscheinungsjahr nur 25 Werke. Für das Jahr 2020 hat Christian Pree 1276 Werke verzeichnet, Libri liefert 120. Der mainstream Buch-Markt bildet also nur einen sehr geringen Teil der tatsächlich erscheinenden deutschsprachigen Science-Fiction ab. Dies liegt u.a. daran, dass Pree auch Werke von Selfpublisher*innen und Heftromane auflistet, die Libri nicht führt. Ob die Situation für die deutschsprachige Fantasy Literatur vergleichbar ist kann aufgrund fehlender Datenlage nicht beurteilt werden.

Diese Grafik vergleicht, wie viele im jeweiligen Jahr erstveröffentlichte Science-Fiction Werke Christian Pree gesammelt hat und wie viele Science-Fiction Werke von Libri lieferbar sind.

Quelle: Theresa Hannig nach Daten von Libri GmbH und Christian Pree, 2021

4. Unterschiedlicher Frauenanteil bei Libri und Pree

Auch das Verhältnis von Science-Fiction Autorinnen und Autoren unterscheidet sich in den Analysen von Libri und Pree erheblich. Während Christian Prees Daten durchweg einen Frauenanteil von über 24% aufweisen, sind die Daten bei Libri wesentlich volatiler. Von den 2016 erschienen und lieferbaren Science-Fiction Autor*innen sind nur 9% Frauen. Seitdem steigt der Anteil (wenn auch nicht stetig) bis auf 25,68% im Jahr 2020. Zwischen 2018 und 2019 stieg der Frauenanteil der Science-Fiction Autor*innen bei Libri sprunghaft fast um das Dreifache an: von 11,36% auf 32,21%

Diese Grafiken verdeutlichen den unterschiedlich hohen Frauenanteil im Bereich Science-Fiction Literatur bei Libri und Pree.

Quelle: Theresa Hannig nach Daten von Libri GmbH, 2021

Quelle: Theresa Hannig nach Daten von Christian Pree, 2021

Datenbasis und Methode

Für diese Analyse wird die Datenbank der Libri GmbH verwendet, die Libri dem Forschungsprojekt #fantastischeFRAUEN freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Libri ist ein hauptsächlich im Zwischenbuchhandel tätiges Barsortiments- und Logistikunternehmen, das Großhandelsfunktionen und Logistikdienste anbietet. Es kann also angenommen werden, dass das Angebot von Libri im Großen und Ganzen das Sortiment repräsentiert, das im lokalen Buchhandel verfügbar ist.
Die von Libri bereitgestellte Datenbank enthält für den Zeitraum 2016-2020 2.898 Werke, die in die Warengruppen 11300 (= Hardcover Fantasy & Science-Fiction) und 21300 (=Taschenbuch Fantasy & Science-Fiction) eingeteilt sind. Um zu analysieren, wie viele deutschsprachige Fantasy und Science-Fiction Werke von Frauen aus dem ursprünglichen Veröffentlichungsjahr verfügbar sind, müssen die Daten erst wie folgt bereinigt werden:

1. Übersetzungen von Originalausgaben trennen
In der Libri-internen Systematik sind Autor*innen und Übersetzer*innen als solche markiert. Wo diese Informationen fehlen, werden sie durch händische Recherche ergänzt bzw. korrigiert. Nur originär auf Deutsch erschienene Werke fließen in die Analyse mit ein.

2. Duplikate entfernen
Wenn Werke in verschiedenen Jahren als Hardcover und dann als Taschenbuch, oder ein weiteres Mal in einem anderen Verlag veröffentlicht wurden, werden die Duplikate nicht mitgezählt.

3. Nicht-Relevantes entfernen
Es befinden sich in der Datenbank u.a. auch Spiele, Regelwerke oder Begleitmaterialien zu Rollenspielen. Diese werden nicht mitgezählt.

4. Kurzgeschichten-Anthologien entfernen
Da Anthologien oft dutzende Geschichten unterschiedlichster Länge von ebenso vielen Autor*innen enthalten, die die Anzahl der veröffentlichten Einzelwerke erheblich verzerren würden, werden sie bei der Analyse nicht berücksichtigt.

5. Unterscheidung nach Geschlecht
Die Unterscheidung nach Geschlecht wird in 2 Schritten vollzogen:

  • Die Unterscheidung nach Geschlecht wird über ein Script vorgenommen, das die Vornamen auswertet. Als Grundlage wird die online verfügbare Vornamendatenbanken der Stadt Köln (https://offenedaten-koeln.de/dataset/vornamen) verwendet.
  • Im Anschluss wird das Geschlecht bei nicht eindeutig erkannten Vornamen händisch durch Recherche ergänzt
Nach der Veröffentlichung der ersten Analyse der Datenbank von Christian Pree wurde bemängelt, dass die Analysemethode nur binäres Geschlecht und keine nicht-binären Menschen erfassen würde. Dies ist richtig und der Größe der Datenmenge sowie der automatisierten Methode der „Geschlechtszuweisung“ geschuldet. Bei der Analyse der Daten von Libri wurde in gleicher Weise verfahren. Es gibt aber bereits eine Gruppe von Unterstützer*innen, die sich zum Ziel gesetzt hat, auch nicht-binäre Menschen in der Analyse der #fantastischenFRAUEN sichtbar zu machen. Wer bei dieser händischen Recherche helfen möchte, kann mich gerne kontaktieren.
 

6. Unterscheidung zwischen Science-Fiction und Fantasy
Bei Libri werden Werke der Genres Science-Fiction und Fantasy mit derselben Warengruppe gekennzeichnet. Um eine Unterscheidung zu treffen, werden zwei Methoden angewandt:

  • Zuerst werden die Daten von Libri mit der Datenbank von Christian Pree abgeglichen und alle Werke, die sich in beiden Listen finden, als Science-Fiction markiert.
  • Die verbleibenden Titel werden händisch nachrecherchiert und mit dem Marker Science-Fiction versehen, wenn es sich um Werke handelt, die gängige SF Themen (z.B. Zukunft und/oder Technik und/oder KI und/oder Utopien/Dystopien und/oder Space Opera und/oder Aliens etc.) behandeln.

Danksagung

Herzlichen Dank an Dr. Detlef Bauer von Libri GmbH für die unkomplizierte Kooperation und die Zurverfügungstellung der Datenbank!

16.11.21 - Analyse der Datenbank von Christian Pree

Wie viele Frauen veröffentlichen deutschsprachige Science-Fiction-Literatur?

Diese Grafik zeigt, wie viele Autor*innen SF-Werke veröffentlicht haben, unabhängig von der Anzahl der Werke.

Quelle: Theresa Hannig nach Daten von Christian Pree, 2021

Diese Grafik zeigt die deutschsprachigen SF-Werke, die im jeweiligen Jahr erstmalig veröffentlicht wurden.

Quelle: Theresa Hannig nach Daten von Christian Pree, 2021

Datenbasis und Methode

Für diese Analyse habe ich die Daten von Christian Pree (http://www.chpr.at) verwendet. Christian Pree sammelt seit Jahren alles, was im deutschsprachigen Raum an Science-Fiction-Literatur erscheint. Für diese Bemühungen erhielt er 2007 den Kurd Laßwitz Preis für herausragende Leistungen im Bereich der SF (http://www.kurd-lasswitz-preis.de/2007/KLP_2007_Sonderpreis_Laudatio.htm).

Die von Christian Pree zur Verfügung gestellte Datenbank enthält 5.706 Werke, die im Zeitraum von 2016 bis 2020 erstmalig als Originalausgabe auf Deutsch erschienen sind. Wurde ein Werk mehrfach – z.B. im einen Jahr als Hardcover und im nächsten Jahr als Taschenbuch veröffentlicht, wird es in der Auswertung nur einmal gezählt.

Übersetzungen aus andere Sprachen werden nicht gezählt.

Werke, die gemeinschaftlich von einem Autor und einer Autorin geschrieben wurden, werden einfach gezählt. Für die Auswertung der „Science-Fiction Autor*innen“ werden diese Künstler*innen als Team gezählt. Da die Anzahl der Teams aber stets unter 1% liegt, werden sie in der Grafik nicht ausgewiesen.

Kurzgeschichtenbände werden nur dann gezählt, wenn sie als Werk einer Person veröffentlicht wurden. Anthologien mit Geschichten mehrerer Autor*innen sind demnach nicht Teil der Analyse.

Die Unterscheidung nach Geschlecht wurde über ein Script vorgenommen, das die Vornamen auswertet. Als Grundlage wurden online verfügbare Vornamendatenbanken der Stadt Köln (https://offenedaten-koeln.de/dataset/vornamen) verwendet. Im Anschluss wurde das Geschlecht bei nicht eindeutig erkannten Vornamen händisch durch Recherche ergänzt. Hier sind Fehler nicht auszuschließen; außerdem gibt es einige Autor*innen, die nicht auffindbar waren, bzw. die absichtlich keine Angabe über ihr Geschlecht machen. Inwieweit Autor*innen, die unter einem andersgeschlechtlichen Pseudonym veröffentlichen, richtig eingeordnet wurden, kann nicht beurteilt werden. Auch die Anzahl nichtbinärer Autor*innen ist so gering, dass sie nicht einzeln ausgewiesen werden.

Grund für die Analyse

In der deutschen Literaturlandschaft existieren mehr Autorinnen als Autoren. Von den 40.926 bei der Künstlersozialkasse registrierten Autor*innen sind 22.371 Frauen und 18.555 Männer.

Wenn es aber um Science-Fiction geht, wird oft davon ausgegangen, dass dies eine Literaturgattung von Männern für Männer sei.

Das hat unterschiedliche Gründe:

Wie in den meisten anderen Literaturgattungen und überhaupt im den meisten anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens wurden Frauen in der Vergangenheit weniger beachtet, weniger ernst genommen und für weniger relevant erklärt. (Siehe auch: FRAUEN LITERATUR: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt von Nicole Seifert, Kiepenheuer&Witsch, 2021)

Wer wird rezensiert?

Dass von Frauen verfasste Literatur in den Medien seltener und kürzer besprochen wird, hat die Autorin und Journalistin Nina George in ihrem 2018 durchgeführten Forschungsprojekt #frauenzählen (http://www.frauenzählen.de/) gezeigt.

Wer wird gelesen?

Eine weitere interessante Entdeckung hat die britische Journalistin Mary Ann Sieghart im Juli 2021 gemacht. Sie untersuchte, wie sich die Leserschaft der englischsprachigen TOP TEN Bestseller zusammensetzt. Dabei fand sie heraus, dass beide Geschlechter die Literatur von Männern lesen, während Männer zum Großteil überhaupt keine Werke von Frauen lesen.

Wer erhält die Literaturpreise?

Die Folgen sind spürbar: Wer weniger besprochen wird, wird weniger gelesen, gilt als weniger relevant, gewinnt weniger Preise und erscheint seltener in einschlägigen Lexika wie z.B. der Wikipedia. Denn dort ist eines der Relevanzkriterien für Autor*innen u.a. der Gewinn eines renommierten Literaturpreises (https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Relevanzkriterien#Autoren).
Wenn wir uns die Vergabe der deutschen Science-Fiction-Literaturpreise anschauen, können wir sehen, wie stark diese von den männlichen Autoren geprägt ist.

Quelle: Norbert Fiks, 2021

Was folgt daraus?

Die wahrgenommene und die tatsächliche Präsenz von Science-Fiction-Autorinnen unterscheidet sich stark. Deshalb möchte ich mit dem Projekt #fantastischeFRAUEN die Science-Fiction-Autorinnen sichtbarer machen.

Im weiteren Verlauf des Projekts  werden auch noch andere Datenbanken analysiert und die Ergebnisse mit denen von Christian Pree verglichen. Die oben genannten Zahlen können daher noch nicht als abschließendes Ergebnis betrachtet werden.

Aber bereits in dieser ersten Analyse sehen wir, dass deutschsprachige Science-Fiction-Literatur nicht nur von Männern für Männer geschrieben wird, sondern dass ein beträchtlicher Teil der Autor*innen Frauen sind.

Vielen Dank!

Für die Mitarbeit und Hilfe bei diesem Projekt möchte ich mich bedanken bei Christian Pree, Ralf Boldt, Regine Bott, Dr. Christoph Endres, Norbert Fiks, Udo Klotz, Katja Konrad, Jacqueline Montemurri, Madeleine Puljic und Klaudia Seibel, Yvonne Tunnat.

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