Die falschen Anschuldigungen der Martina Fischer

Ich habe es schon mehrfach angekündigt, jetzt schreibe ich endlich etwas zu Martina Fischer und dem Klischee der falschen Anschuldigungen in meinem Debütroman „Die Optimierer“. Für alle, die wenig Zeit haben: überspringt einfach den „Exkurs“.

 

[EXKURS FALSCHE ANSCHULDIGUNG – BEGIN]

Wir erinnern uns alle noch an die Schlagzeilen der letzten Jahre: Christiano Ronaldo sei ein Vergewaltiger, Trump ein Pussy grabber, Gina Lisa Lohfink habe es doch auch gewollt und der Kandidat für den Supreme Court Brett M. Kavanaugh hat als Jugendlicher versucht, eine Freundin zu vergewaltigen, von dem was Kevin Spacey und Harvey Weinstein gemacht haben, ganz zu schweigen.

Seit ziemlich genau einem Jahr ist die #metoo Debatte im Gange und man hat das Gefühl, als seien plötzlich eine ganze Menge Leute, von denen man es nie erwartet hätte, Sexualstraftäter. Man wird aufmerksam, verfolgt immer neue Schlagzeilen, hört staunend und mit Grauen zu und dann?

Dann passiert genau NICHTS.

Ronaldo beteuert seine Unschuld (der Prozess ist anhängig), Trump ist immer noch Präsident, Kavanaugh wurde Richter, Weinstein kommt zwar bald vor Gericht (ist aber gerade auf Millionenkaution frei), Spaceys Karriere ist ziemlich im Eimer, aber im Gefängnis ist er nicht. Frau Lohfink hat zur Vergewaltigung auch noch das Label „Lügnerin“ geschenkt bekommen.
(Edit wegen einiger Hinweise, die ich auf Twitter erhalten habe: Frau Lohfink wurde 2017 wegen falscher Verdächtigung rechtskräftig verurteilt. Die zweite Instanz bestätigte das Urteil. Somit ist sie offiziell schuldig und diejenigen, die sie der Vergewaltigung bezichtigt hat unschuldig.)

Es so, dass der Großteil der Frauen, die sexuell bedrängt/genötigt/missbraucht wurden, damit NICHT an die Öffentlichkeit gehen und diejenigen, die es tun nur selten einen juristischen Erfolg verbuchen können (In Deutschland ist die Verurteilungsquote zur Zeit (Stand 2014) bei 9,3%).

Warum ist das so?

Gute Frage, schwierige Antwort.

Es gibt in unserer (westlichen) Gesellschaft eine Möglichkeit, einen Mann gesellschaftlich vollkommen zu ruinieren. Das ist, ihm vorzuwerfen, er hätte jemanden vergewaltigt. Der Vertrauensverlust, der Ansehensverlust sind unwiederbringlich – so dachte man lange und so wird es als Legende immer weiter erzählt. Schon mein Vater sagte mir, es käme immer wieder vor, dass Frauen Männern eine Vergewaltigung anhängen würde, um sich zu rächen oder um sich einen Vorteil zu verschaffen. Ich glaubte ihm… und offenbar glauben viele ihren Vätern, die so etwas sagen. Es glauben sogar so viele, dass bei einer neuen Beschuldigung ein ganz komischer Reflex einsetzt:

Sobald Mann X beschuldigt wird, Person Y vergewaltigt zu haben, kommen Zweifel auf. Die typischen Reaktionen sind:

„Was, der?“
„Warum sollte der das tun?“
„Der hat es doch gar nicht nötig, der könnte jede(n) haben!“
„Die/Der (=Opfer) will sich doch nur wichtigmachen“

Die Aussage des Opfers wird in Zweifel gezogen, von allen Seiten kommen Solidaritäts- und sogar Beileidsbekundungen für den mutmaßlichen TÄTER. Versteht mich nicht falsch, ich bin FÜR die Unschuldsvermutung. Aber es ist schon komisch, dass in den Fällen, in denen das Opfer einen prominenten Mann beschuldigt, erst einmal der Täter geschützt wird und nicht umgekehrt.

Dabei sprechen die Zahlen eine ganz andere Sprache…

–>Hier wollte ich eigentlich ein paar harte Fakten präsentieren, aber siehe da: Die gibt es nicht. Es gibt KEINE aktuellen Studien zu diesem Thema, keine statistisch einwandfreie Aufarbeitung der Frage, wie hoch die „Falschbeschuldigungen“ in unserer Gesellschaft wirklich sind.

Im SZ Artikel vom 12.Oktober 2018 mit dem Titel „Der Mythos der falschen Beschuldigung“ wird von etwa 3% gesprochen. Bei 3 von 100 Verfahren wegen Vergewaltigung stellt sich also heraus, dass die Frau gelogen hat. Hört sich extrem wenig an. Wenn man dann ein bisschen weiter recherchiert, merkt man, dass diese Zahl seit Jahren kursiert, immer wieder zitiert wird und genau so lange kritisiert wird, da sie auf Studien beruhe, die weder repräsentativ, noch wirklich aussagekräftig seien. Wenn man weiter recherchiert, kommt man sogar plötzlich zu ganz anderen Zahlen… 33%, mehr als die Hälfte, 80% der Vergewaltigungsvorwürfe seien (laut Ansicht ermittelnder Polizisten in einer vom Bayerisches Staatsministerium des Innern in Auftrag gegebenen Studie) vorgetäuscht … was soll man jetzt davon halten? Diese Ergebnisse sind von 2005 und zudem geht es da um MEINUNGEN ermittelnder Polizisten, die, wenn man den Text genau liest weit auseinandergehen… wieder also keine anständigen Ergebnisse. Dann gibt es noch diesen Artikel hier, der wieder mit mehreren Statistiken, Umfragen und Studien die 3-6% These vertritt.

Ich bin jetzt vollends verwirrt. Wie hoch ist denn jetzt der Anteil der Falschanschuldigungen? Ist es nicht ein Skandal, dass wir das nicht wissen, dass das niemand statistisch einwandfrei, objektiv und mit wissenschaftlichen korrekten Mitteln misst? Ich würde das sehr begrüßen! Denn dass über ein so wichtiges Thema unserer Zeit so eine Uneinigkeit herrscht und jeder mit Zahlen um sich schmeißt, wie es ihm passt, ist einem objektiven Diskurs nicht zuträglich.

Wenn also jemand daran forscht, oder aktuelle Forschungsergebnisse kennt, bitte klärt mich auf!!!!

[EXKURS FALSCHE ANSCHULDIGUNG – END]

 

Was hat der obige Exkurs eigentlich mit meinem Buch und der Figur Martina Fischer zu tun?

Es war so: Ich habe von mehreren Seiten, Personen und Portalen Rezensionen für meinen Roman „Die Optimierer“ erhalten. Unter anderem auch über die Webseite lizzynet.de. Der letzte Absatz dieser Rezension lautet folgendermaßen:

„Ein kleiner Hinweis zum Schluss: Die angesprochenen Themen sind sehr interessant, aber die Sprache im Roman von Theresa Hannig empfand ich als relativ hart, und es gibt auch viele Szenen, die besonders für Mädchen und Frauen mit Gewalterfahrungen schwierig sein könnten, auch wenn der Roman von einer Frau geschrieben wurde.“

Als ich das gelesen habe, wurde ich stutzig, denn ich wusste nicht, was ich damit anfangen sollte. Als ich es schließlich schaffte, mit der Frau zu sprechen, die diese Rezension verfasst hatte, sagte sie mir, dass es hauptsächlich (aber nicht nur) um meine Figur Martina Fischer gehe, deren Verhalten genau dem Klischee entsprechen würde, das viele/wir alle/die Medien über Menschen haben, die vorgeben, Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein:

Dass Frauen nämlich, um sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen, Männern eine Vergewaltigung anhängen würden. Und weil dieser Verdacht so weit verbreitet sei, würden Frauen, die tatsächlich vergewaltigt/genötigt/missbraucht worden sind, sich oft nicht trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Das hat mich erschüttert. Die Situation, um die es geht lautet so: Martina Fischer ist unzufrieden mit ihrem Beratungsergebnis. Also sagt sie zum Lebensberater Samson:

»Ich werde mich bei der Agentur über Sie beschweren. Ich werde … ich werde denen sagen, dass Sie sich den Schwanz von mir haben lutschen lassen, und dann werden wir ja sehen!«

Dieser Satz stammt aus einer sehr frühen Version meines Romans. Martina Fischer und Samson Freitag waren zu diesem Zeitpunkt noch ganz andere Charaktere, hatten andere Eigenschaften und Verhaltensmuster. Ich habe dieses Kapitel sehr, sehr oft umgeschrieben und auch die Figuren immer wieder umgeformt. Lediglich der obige Satz ist immer geblieben, denn ich fand ihn kraftvoll und bedrohlich – einfach sehr eindeutig. Tatsächlich ist der Satz aber weder für den Fortgang der Geschichte, noch für das Verständnis noch für sonst irgendetwas gut. Ja, Martina Fischer ist sauer und ja, sie würde Samson gerne dazu bringen, seine Meinung zu ändern. Aber muss sie sich deshalb genau so verhalten, wie es das Klischee von ihr erwartet? Nein. Ich habe diesen Satz in vielen meiner Lesungen mit dem Publikum diskutiert und so die Leute zum Nachdenken anregen können. Aber wesentlich mehr Menschen lesen das Buch ohne meine Erklärungen. Und wenn sie diesen Satz lesen, bestätige ich wieder das alte Vorurteil, gebe ihnen einen weiteren „Beweis“ für diese hinterhältige Strategie der Frauen. Und das will ich nicht. Ich verlasse mich lieber auf Daten. Klischees können andere verbreiten.

Deshalb wird der Satz in den zukünftigen E-Books und ab der 3. Auflage folgendermaßen lauten:

»Ich werde mich bei der Agentur über Sie beschweren. Ich werde … ich werde denen sagen, dass Sie mich belogen haben. Dass Sie mir falsche Hoffnungen gemacht haben. Sonst hätte ich den Scheiß doch nie unterschrieben!“

Damit hat Martina ihren Punkt klar gemacht. Sie bedroht Samson nach wie vor, aber sie tappt nicht in das furchtbare Klischee.

Ich werde mich bemühen, meine zukünftigen Charaktere ohne Klischees, realistisch und vielfältig zu gestalten. Denn so sind die Menschen: Kompliziert und sehr, sehr unterschiedlich.

 

 

 

 

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Katrin
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Katrin

Hallo Theresa,

Ehrlich gesagt, ich verstehe was du meinst,aber ich verstehe nicht,warum du es änderst. Ich fand, es passte hervorragend zu der Situation. Und es gibt Frauen, die sich genau so verhalten. Es gibt leider nicht nur Opfer sondern auch Täter. Es gibt auch Frauen, die Männer belästigen. Es gibt häusliche Gewalt, die von Frauen ausgeht. Ich möchte nichts verharmlosen. Aber ich finde, man sollte alles im ganzen betrachten.
Entschuldige, ich wollte nur meine Meinung sagen. Gruß Katrin