Manchmal geht alles wie von selbst

Das Schreiben ist manchmal wie eine Sehnsucht, bei der man zurückschreckt, wenn sie plötzlich in greifbare Nähe gerät. Wie oft, wie lange wünsche ich mir an einem anstrengenden Tag, dass ich endlich Ruhe finde, um zu schreiben. Und dann, wenn die Ruhe endlich da ist, mache ich tausend andere Dinge, finde ich hundert andere Kleinigkeiten, die unbedingt noch erledigt werden müssen, bevor ich anfangen kann. Und dann bin ich oft zu müde oder ich denke an die Szene, die gerade geschrieben werden soll und greife stattdessen zum Handy oder zum einem anderen Buch und schon ist der Abend vorbei und wieder nichts geschrieben.

Eigentlich bin ich ja seit 2. Juni „hauptberuflich“ Schriftstellerin, aber die Anführungszeichen stehen nicht grundlos hier. Ich habe zwei Kinder und wenn der Kindergarten Ferien hat, habe ich wieder keine Zeit zum Schreiben. Und wenn der Familienurlaub ansteht… dann nehme ich zwar den Laptop mit und schreibe vielleicht ein paar Briefe und – wie jetzt gerade – ein paar Gedanken für meinen Blog, aber das nächste Kapitel? Was soll daraus nur werden? Ich brauche Zeit und Muße zum Schreiben. Zwei Bedingungen, die fast das gleiche bedeuten, aber nicht ganz.

Zeit – klar, ohne Zeit bewegt sich in diesem Universum nichts vom Fleck. Muße ist innere und äußere Ruhe, die Möglichkeit, alle Gedanken des Tages abgearbeitet zu haben oder aber beiseite schieben zu können und sich nur noch auf das zu konzentrieren, was sich in meinem Kopf abspielt.

Als Teenager habe ich besonders viel geschrieben, wenn ich wütend war, traurig oder betrunken. Heute kann ich das nicht mehr. Kaum etwas von dem, was ich damals geschrieben habe, könnte man guten Gewissens jemandem zeigen – ich denke jeder hat solche Texte. Zeilen voller Drama und Einsamkeit, dass man von allen verlassen, von niemandem verstanden wird und so weiter und so weiter. Das nennt sich wohl Pubertät.

Schreiben ist aber auch Handwerk und da kann man sich nicht nur von der betrunkenen Seele leiten lassen. Da muss man selber kritisch bleiben, sonst ist von Anfang an alles für den Papierkorb. Natürlich streiche ich auch viel von dem, was ich in nüchternem Zustand schreibe. Manchmal kann man schon froh sein, wenn man einen einzelnen anständigen Satz zustande bekommt. Aber ich kenne mich mittlerweile so gut, dass ich weiß, unter welchen Umständen ich schreiben kann und wann nicht. Ich brauche zum Beispiel immer eine gewisse Anlaufzeit, bis die Sätze sich in meinen Ohren „normal“ anhören. Manchmal kommt es vor, dass ich einen Satz bis zur Fertigstellung eines Buches immer wieder umschreibe und einfach nicht hinbekomme. Dankenswerterweise hat dann meine Lektorin Frau Biskup diesen einen Satz so perfekt geschliffen, als hätte ich ihn von Anfang an genau so aufs Papier gezaubert. Großartig!

Jedenfalls habe ich gerade Zeit, um diesen Blog zu schreiben, aber keine Muße, ein neues Kapitel zu erfinden. Warum? Vielleicht liegt es daran, dass ich selber noch nicht genau weiß, was passieren wird. Ich habe zwar die Storyline im Kopf und auch schon eine Vorstellung, was im Großen und Ganzen passieren sollte. Aber was ist der erste Satz des nächstes Kapitels? Was fühlen meine Figuren? Wie kommen sie aus ihrer aktuellen Situation heraus? So viel kann ich schon einmal verraten: Ein Mann und eine Frau fahren mit einem Tretboot über die Ostsee.

Manchmal, wenn ich in so einer Situation bin, zwar ungefähr aber nicht genau weiter weiß, dann geschieht ab und zu ein Wunder: Ich lehne mich zurück, starre ins Nichts und lasse die Szene vor meinem geistigen Auge laufen. Ich erfinde nichts, strengte mich nicht an. Ich lasse es einfach geschehen. Und dann passieren die Dinge. Erst so, dann so, dann wieder anders. Immer und immer wieder wiederholt sich die Szene in unterschiedlichen Varianten. Es ist die großartigste Unterhaltung, die ich mir vorstellen kann, oft bin ich vor Spannung selbst ganz gefesselt. Zuweilen fürchte ich mich, weil ich ja selber nicht weiß, was gleich passieren wird. Doch irgendwann ist die Szene perfekt und ich muss mich nur noch an den Computer setzen und sie abschreiben.

Ganz genau erinnere ich mich noch daran, wie sich die Szene formte, in der Lila Samson Freitag in der U-Bahn anspricht. Ich fuhr auf der Autobahn eine lange langweilige Strecke und war trotzdem bester Laune, weil ich in Gedanken der Szene beim Entstehen zusehen durfte. Ja, so fühlt es sich an. Die Szene formt sich selbst und ich bin nur Zuschauer. Wenn ich Vollzeit – Schriftstellerin wäre würde ich sagen: „Ich liebe diesen Job.“

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