Wie gut, dass ich ein Künstler bin

Es gibt einen Text von Max Goldt, den ich sehr schätze – sowohl den Text als auch den Künstler. Hier ist ein Link zu einem YouTube Video/Audio File, in dem Max Goldt den Text selber liest.

Ich bin mir nicht sicher, inwiefern Herr Goldt es gut findet, dass andere Leute seine Lesungen posten und bitte darum, mich zu informieren, diesen Link zu löschen, sollte er oder jemand anderes sich daran stören.

Nun aber zurück zum Thema: Wie gut ist es, dass ich ein Künstler bin, machen kann, was ich will und es als Kunst bezeichnen kann!

Für meinen Vater war Kunst, die nicht schön oder ästhetisch war, keine wahre Kunst, sondern Wunst: „Kunst kommt von Können, Wunst kommt von Wollen“ – nur weil jemand etwas wollte, war er also (in den Augen meines Vaters) noch lange kein Künstler. Schwierig, unter diesen Bedingungen ein Künstler zu sein, denn man müsste schon malen können wie Boticelli, musizieren wie Bach oder schreiben wie Shakespeare, um ein richtiger, echter Künstler zu sein.

Im Nachhinein betrachtet, sind solche Einschränkungen natürlich nicht nur falsch sondern auch wenig nützlich. Denn was habe ich als Mensch davon, mich nur mit Kunst zu umgeben, die klassisch schön ist? Ich brauche doch auch Referenz zur Gegenwart, Themen, die mich persönlich betreffen und bewegen. Was also ist Kunst und warum ist sie so wichtig? Es gibt sicher Bände von Doktorarbeiten zu diesem Thema, aber ich befinde mich gerade selber im Identifikationsprozess. Ich schreibe Geschichten, aber bin ich deshalb eine Künstlerin? Ja! Ich kann etwas, ich stelle etwas her, das es vorher noch nicht gab, also bin ich Künstler. Ob es anderen gefällt oder nicht, ist eine ganz andere Frage. Ist ein Bäcker kein Bäcker mehr, weil einigen Kunden das Brot nicht schmeckt? Nein. Auch ob man mit seiner Kunst Geld verdienen kann oder muss, steht auf einem ganz anderen Blatt. Viele Künstler konnten überhaupt erst zur Meisterschaft gelangen, weil sie von vorausschauenden Gönnern und Mäzenen unterstützt wurden. Gegen so einen Mäzen hätte ich persönlich auch nichts einzuwenden. Wer sich angesprochen fühlt, soll sich bitte bei mir melden!

Ich habe vor wenigen Tagen das dritte Bild zu meinem 5-$-Problem bekommen. Hier ist es:

Es zeigt mich als Pixelgrafik. Als Vorlage dazu hat der Künstler mein Autorenfoto benutzt. Mir gefällt das Bild sehr gut. Man bedenke: Es hat nur 5 $ gekostet. Ist es Kunst? Ja!

Nachdem mir das Bild geliefert wurde, wurde ich aufgefordert, das Produkt, die Leistung des Illustrators, sowie die gesamte Kommunikation zu bewerten. Zugrunde gelegt wurde ein 5-Sterne-System. Ich war an diesem Tag nicht besonders gut drauf, hatte kaum Zeit und wenig Lust, mich mit der Bewertung auseinanderzusetzen. Also gab ich überall 4 Sterne, denn mir gefiel das Produkt, aber ich war eben aus anderen Gründen mit meiner persönlichen Gesamtsituation unzufrieden. Nur wenige Minuten später kontaktierte mich der Illustrator und fragte besorgt, was denn nicht in Ordnung sei, warum ich nicht zufrieden sei, da ich doch nur 4 Sterne gegeben hatte. In diesem Moment wurde mir klar, dass die Entscheidung, ob 4 oder 5 Sterne angemessen waren, für mich nur ein Klick, für den Illustrator aber eine existentielle Frage war. Ich selber hatte zuvor nur nach Illustratoren gesucht, die 4 oder 5 Sterne hatten. Eine ausführliche Analyse ihrer jeweiligen Fähigkeiten oder Kritiken anderer Kunden hatte ich mir gespart. Im normalen Leben ist keiner von uns ein 5-Sterne-Mensch. Wenn ich morgens für meine Kinder Honig- und Marmeladenbrote schmiere, sind die oft nur 4 Sterne, manchmal nicht auch nur 3 Sterne wert, je nachdem, wie lange ich geschlafen oder wann ich das Brot besorgt habe.

Aber wenn wir selber etwas kaufen, dann erwarten wir nur das Beste. Und so berauben wir uns selber einer differenzierten Sichtweise, denn es muss nicht immer alles perfekt sein. Wenn alle vorgeben, perfekt zu sein, ist das auch nichts mehr wert. Trotzdem habe ich am Ende allen drei Illustratoren 5 Sterne gegeben. Ich wollte ja keinem das Geschäft verderben.

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[…] erklärt. Aber es macht einfach wahnsinnig viel Spaß. Ich kann nur wieder auf meinen Blogeintrag Wie gut, dass ich ein Künstler bin verweisen. Denn nur unter diesem Aspekt ergibt mein Tun hier überhaupt Sinn. Niemals würde sich […]

Eva Brandt
Gast
Eva Brandt

Wobei ich finde, dass von deiner Aufgabenstellung her nur der eine Künstler, der die 5 $ mit in seinem Bild hatte, den Auftrag erfüllt hat.

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[…] Unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen Texte zu schreiben ist sehr fragwürdig. Nicht nur, dass die Orthographie und die Grammatik extrem leiden – dafür gibt es ja seit geraumer Zeit Korrekturprogramme – nein auch der Inhalt ist in den seltensten Fällen für den nüchternen Leser interessant. (Mehr zum Thema wann und wie man am besten schreibt im Blogbeitrag „Wie gut, dass ich ein Kü… […]

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[…] (Mehr zu diesem Thema im Beitrag „Wie gut, dass ich ein Künstler bin) […]