Alles auf Anfang

Vor mehr als drei Monaten habe ich hier darüber berichtet, dass ich das Exposé für meinen 3. Roman abgegeben habe. Was hat sich seitdem getan? So einiges!

An dieser Stelle muss ich ein bisschen weiter ausholen.

Das Schreiben war für mich immer Hobby, Zeitvertreib, Stressbewältigung – kurz eine Leidenschaft, die mich mein ganzes Leben schon begleitet. Wenn man anfängt zu schreiben, ist das meist in einer Art Tagebuch oder mit teilweise autobiographischen Texten. Oder es sind Nacherzählungen der besten He-Man oder Star Wars Folgen, die man als Kind gesehen hat. Für mich war diese Art des Schreibens immer sehr gegenwärtig, das heißt, ich habe mich hingesetzt und jetzt im Augenblick das erzählt, was mir so durch den Kopf ging. Als ich anfing, längere Geschichten und „Romane“ zu schreiben, hatte ich schon eine grobe Skizze meiner Story im Kopf, aber meist habe ich den Figuren einfach dabei zugeschaut, wie sie sich in meiner vorgegebene Welt zurechtfinden und sie dabei weiter entwickelt. Das hat dazu geführt, dass viele meiner Plots langatmig und nicht besonders spannend waren. Auch die Figuren waren nicht wirklich geplant und ausgearbeitet, sondern entwickelten sich im Laufe der Geschichte quasi von selbst. Das ist beim Schreiben zwar sehr schön und spannend und oft auch überraschend, hat aber den Nachteil, dass ich mir eben nicht von Anfang an gezielt eine Figur und deren Entwicklung überlegt habe.

So war das zunächst auch bei meinem ersten Roman, der veröffentlicht wurde, bei „Die Optimierer“. Über Jahre habe ich die Handlungen der Figuren und ihre Entwicklung verfolgt. Als die Geschichte dann fertig war, habe ich noch einmal 2 (sic!) Jahre gebraucht, um die Story und die Charaktere so umzuarbeiten, wie sie am Ende im fertigen Buch auftauchen. Ich kann meiner damaligen Lektorin nur danken, dass sie nicht locker gelassen hat, bis ich endlich die Schwächen und Fehler meiner Figuren erkannt habe. Letztendlich fallen mir aber jetzt immer noch Dinge auf, die ich heute anders machen würde, wenn ich die Optimierer noch einmal schreiben würde.

Beim zweiten Teil „Die Unvollkommenen“ war das Ganze schon einfacher. Ich hatte ein bestehendes Universum und ausgearbeitete Charaktere, die ich in- uns auswendig kannte und die schon eine ganze Menge erlebt hatten. Die Story hatte ich schon einmal für eine andere Geschichte konzipiert und war hoch erfreut und auch ein bisschen überrascht, wie nahtlos sie sich in das Universum der Optimierer integrieren ließ.

So, und jetzt fange ich wieder an. Ich habe eine Geschichte vor Augen und Charaktere dazu und eine sehr emotionale Verbindung zu beiden und was ist: Die Geschichte ist der letzte Mist.

Ich habe es mir am Anfang nicht eingestehen wollen, dachte, im Laufe des Schreibprozesses wird das schon, aber seien wir ehrlich: es klappt nicht.

Also habe ich bei 70 Seiten aufgehört zu schreiben und angefangen nachzudenken. Was ist das Problem?

Irgendwas fühlte sich komisch an, irgendwas passte nicht, aber ich konnte nicht genau mit dem Finger darauf zeigen, konnte den Kern des Problems nicht herausfinden.

 

Und dann bin ich ins Kino gegangen.

 

Der Film war nett, nicht wirklich großartig, die Story überschaubar, aber ich mochte die Figuren, habe mitgefiebert, gelitten und mich gefreut. Und da wusste ich es plötzlich.

Es ist so (wie Judith Vogt mal gesagt hat): „Geschichten sind wie Soylent Green: It’s people.“*

Wenn man es sich genau überlegt, gibt es nur eines, was Menschen schon seit Urzeiten und immer wieder und über alle Zeiten, Genres und Medien hinweg fasziniert: Andere Menschen.

Die Geschichten wiederholen sich, die Abenteuer, die Prüfungen und Erfolge. Was uns am Ende aber fesselt, was uns die Seiten umblättern lässt und warum wir auch nächste Woche wieder einschalten ist die Frage: Wie geht es der Figur?

Das war es, was meiner Story gefehlt hatte: Plastische Charaktere, bei denen es mich interessiert, was sie als nächstes tun, was sie denken und fühlen.

Ich hatte gedacht, mein neuer Roman würde dadurch Tiefe und Bedeutung erhalten, dass er teilweise autobiographisch ist und ich Dinge beschreibe, die tatsächlich stattgefunden haben. Ich dachte, die Wahrheit, die aus der Realität wächst würde genügen, um eine spannende Geschichte zu schreiben. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Die Tatsache, dass ich möglichst wirklichkeitsnah schreiben wollte, hat mich eingeschränkt. Die Hauptperson bin teilweise ich, OK, ich kenne mich. Aber ICH als Person kann die Realität wesentlich weniger umfangreich wahrnehmen, erkennen und wiedergeben als ICH als Autorin. Das hat dazu geführt, dass meine Hauptperson mit Charakteren zu tun hatte, die zweidimensional und langweilig blieben. Sie hatten kein Entwicklungspotential und keine echten Gefühle und Motivationen, weil ICH als Person die Gefühle und Motivationen der echten Menschen nicht kennen kann! Ich konnte also nur eine Geschichte aus meiner beschränkten Perspektive erzählen und das war furchtbar langweilig! Nur wenn ICH als Autorin Figuren erfinde, kann ich ihnen Gedanken, Gefühle und Motivationen zuschreiben, die eine Entwicklung überhaupt möglich und spannend machen.

Hinzu kam noch, dass ich mich handwerklich auch noch behindert habe, weil ich jedes Mal schlecht gelaunt war, wenn ich schrieb oder damit fertig war. Denn eigentlich hatte ich gar keine Lust in meinen trüben Erinnerungen herauszufischen.

Meine stetige Suche nach Wahrheit (die ich in vergangenen Blogbeiträgen immer wieder thematisiert habe) hat jetzt also eine neue Richtung eingeschlagen.

Meine neuen Erkenntnisse:

  1. Je mehr eine Geschichte mich persönlich betrifft, desto schlechter wird sie. Meine Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis mag mich zwar selbst aufgewühlt haben, aber das liegt an meinem Seelenleben und nicht an der Natur der Geschichte. Nur weil ich mich an etwas erinnere, heißt das nicht notwendigerweise, dass auch anderen Menschen das Ereignis interessant finden.
  2. Je mehr ich die Figuren und deren Handlungen unabhängig von meinen eigenen Erlebnissen formen kann, desto vielschichtiger und interessanter wird die Geschichte.
  3. Wahrheit erlangt die Geschichte, wenn die Figuren ihrem Charakter entsprechend interagieren und die daraus entstehenden Konflikte erleben.
  4. Wenn die Figuren wahr handeln, interessieren sich anderen Menschen (=Leser) für sie und glauben die Geschichte, die sich daraus ergibt.
  5. Je glaubwürdiger eine Geschichte für den Leser im Moment des Lesens ist, desto interessanter und spannender ist sie, denn:
  6. Geschichten sind wie Soylent Green: It’s people.

 

In diesem Sinne habe ich eine neue Geschichte mit neuen Personen und Interaktionen entworfen, die ich jetzt schreiben werde. Ein paar Ideen sind geblieben, aber im Grunde wird es eine neue Welt, und die fühlt sich gut an!

 

 

*Soylent Green ist ein Film, der mich als Teenager tief beeindruckt hat!

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