He-Man und Immanuel Kant: Helden der Kindheit

Als ich mit etwa 10 Jahren mit dem Schreiben anfing, waren ein paar Dinge von Anfang an klar:

Mein Held musste ohne Fehl und Tadel sein, immer bemüht, das Gute zu tun und niemals müde für die Schwachen und Unterdrückten zu kämpfen. Um all das zu schaffen, bekam er ein paar starke Freunde an die Seite gestellt, politisch korrekt nach Geschlecht, Hautfarbe und Planetenherkunft sortiert. Außerdem besaßen alle magische Kräfte und dazu noch das schnellste Raumschiff des Universums.

Man kann gleich erkennen, wer die Helfen meiner Kindheit waren und mit welchen Trickfilmen ich groß geworden bin:
He-Man, Galaxy Rangers, Saber Rider, Bravestarr, Odysseus 31, um nur ein paar zu nennen.

Nicht dass ich meine Kindheit vor dem Fernseher verbracht hätte – im Gegenteil. Bei uns zu Hause gab es die Regel:

Eine Stunde Lesen = Eine Stunde Fernsehen.

Da musste man schon ein paar Kapitel verschlingen, bevor das Kinderabendprogramm geguckt werden konnte.

Hinzu kamen dann noch zwei weitere wichtige Einflussfaktoren: Star Wars und Immanuel Kant.

Wie bitte? Was ist das denn für eine Kombination, wie kann das sein? Nun ja, Star Wars war einfach unvermeidlich. Ich kann mich nicht aktiv daran erinnern, in meiner Kindheit jemals Star Wars geguckt zu haben. Doch als 1997 die Special Edition erschien, hatte ich jeden Film bereits unzählige Male gesehen.

Erst Jahre später ist mir aufgefallen, dass meine allererste Geschichte sowohl was die Figuren als auch die Storyline und das tragische Ende betrifft eine Nachahmung von Star Wars war. Mit 10 Jahren hielt ich alles davon natürlich für selbst erfunden!

Und was hat das alles mit Immanuel Kant zu tun? Ganz einfach: Meine Mutter hielt es für eine gute Idee, so früh wie möglich den Kategorischen Imperativ in die Kindererziehung zu integrieren. So lernte ich die Universalformel und zwar nach dem 7 Artikel des Grundgesetztes der reinen praktischen Vernunft:

„Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

Mit diesem Anspruch ausgestattet konnten die von mir erfundenen Figuren ja nicht anders, als die Welt zu retten.

Und so war meine Kindheit beseelt von dem Gedanken, Gutes zu tun, mich stets richtig zu verhalten, nie zu lügen, nie zu stehlen und überhaupt auf Recht und Gerechtigkeit zu pochen.

Spielzeugpistolen jeglicher Art waren verboten, das Schwert hingegen als Zeichen des ritterlichen Kampfes war erlaubt.

Positiver Nebeneffekt: Wer mit dem Schwert kämpft erfährt das Leid von Krieg und Gewalt sofort und unmittelbar am eigenen Leib.

Wenn ich die Trickfilme von früher sehe oder meine Geschichten von früher lese, stellen sich mir die Nackenhaare auf. So viel Pathos, so viel Heldenhaftes Leid-auf-sich-Nehmen, so viel Für-das-Gute-Alles-Riskieren, so viel Am-Ende-wenn-das-Gute-gesiegt-hat-in-den-Sonnenuntergang-Reiten.

Als Erwachsener ertrage ich die Naivität und die Einfachheit der dargebrachten Lösungen kaum. Weil ich so viel schlauer bin, als als Zehnjährige? Weil ich so viel Lebenserfahrung habe? Oder ist es nur Zynismus?

Irgendwann, als es wichtig wurde, cool zu sein, wurde es unwichtig heldenhaft zu sein.

Denn Held sein ist nicht cool. Gutes tun ist nicht cool. Das, was im Fernsehen oder im Internet als cool gilt wird hat nichts mehr mit echtem Heldentum zu tun – höchstes mit seiner inszenierung.

Wahre Helden sind ganz normale Leute, die vielleicht nur zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind, aber wissen, dass sie helfen müssen, weil es sonst keiner tut. Zivilcourage sollte cool sein. Platz machen und sich selbst zurücknehmen sollte cool sein. Müll aufheben, auf wenn er nicht von mir ist sollte cool sein.

Vielleicht doch wieder auf Kant hören könnte cool sein.

Oder in aktuellerer Form: Bitte verlassen Sie den Planeten so, wie Sie ihn vorfinden möchten.

 

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