Textanalyse eines Schwurbel-Kommentars

Im Rahmen des Zündfunk Kongresses des Bayerischen Rundfunks habe ich an einem “Literarischen Quartett – Telegram Edition” teilgenommen, in dem wir Verschwörungsphantasien auf ihre literarische Qualität hin untersucht haben.

Hier hier das Video der Aufzeichnung des Literarischen Quartetts!

 

Hier ist meine ausführliche Analyse zu diesem Kommentar von “Roland”, der unter unser Corona #Wellenbrecher Video gepostet wurde:

 

  • Kein Profilbild, dafür mit Klarnamen. Hat auch einen eigenen YouTube Account mit Link zu seiner Firma. Ich habe mich für die Anonymisierung entschieden, damit Roland nicht getrollt wird.

 

  • „Ihr habt keine Ahnung und davon jede Menge“
    Roland beginnt seinen Kommentar mit einem Spruch, der einem bekannt vorkommt. Er klingt wie ein T-Shirt Spruch oder eine Reminiszenz an das alte Fußballzitat: „Wir haben zwar keine Chance, aber die müssen wir nutzen.“ Auf diese Weise versucht er – obwohl er uns beleidigt – doch ein bisschen sympathisch rüberzukommen.

 

  • „Untauglicher PCR Test[1], keine Infizierte[2], nur Falsch-Positive[3], keine Kranke[4], Untersterblichkeit[5], Lügenregime und Propagandapresse“
    Stilmittel der Akkumulation, also einer Aneinanderreihung von Begriffen. Diese sind eine recht umfassende Aufzählung der haltlosen Verschwörungsphantasien, die im Internet kursieren und mit Fakten jederzeit widerlegt weren können. Aber darum geht es gar nicht. Dieses Aufzählen hat nicht den Zweck in eine echte Diskussion einzusteigen, sondern ist etwa so zu verstehen wie das Heulen innerhalb eines Wolfsrufels. Es sorgt für Identifikation innerhalb der eigenen Gruppe und eine Abgrenzen nach außen. Um bei der Analogie des Fußballs zu bleiben: Es wirkt wie das Tragen eines Fanschals oder das Singen einer Fanhymne.

 

  • „Es gibt absolut nichts, vor was wir uns schützen müssen…“
    • Grammatikalische Ungenauigkeit/Umgangssprache: Es sollte eigentlich heißen „vor dem“ oder „wovor“ wir uns schützen müssen – aber wenn wir davon ausgehen, dass Roland diese Form absichtlich gewählt hat, dann wohl um den Satz noch einmal zu verstärken, und Aufmerksamkeit auf den Subtext zu lenken: Offenbar hält Roland sich und seine ungenannten Unterstützer*innen (denn er spricht ja von „wir“) für unsterblich und unzerstörbar, da er meint, sich vor absolut nichts schützen zu müssen.
    • Es spricht aber auch einiges dafür, dass Roland mit „wir“ keine anderen Leute meint, sondern nur sich selbst – er also den Pluaris Majestatis verwendet, um seine eigene vermeintliche Großartigkeit zu unterstreichen.

 

  • „… außer vor diesen Verbrechern, die uns regieren…“
    Konstruktion eines klaren Feindbilds, nämlich all derer die „uns“ regieren: Welche Verbrecher das sind und was sie getan haben, wird nicht erwähnt. Außerdem wird nicht differenziert, ob es evtl. Regierungspersonal gibt, dass weniger verbrecherisch ist. Für Roland ist also z.B. Entwicklungsminister Müller ebenso ein Verbrecher wie Verkehrsminister Scheuer.

 

  • „…und Euch, die ihr blind alles glaubt, ohne zu denken.“
    • Stilmittel des Archaismus (altertümliche Sprechweise) außerdem das großgeschriebene Personalpronomen „Euch“, was die Rechtschreibung vor 1996 und damit die altertümliche Sprechweise betont.
    • Interessantes: Sinnbild: Blind etwas glauben, ohne zu denken. Ist das überhaupt möglich? Wenn man blind glaubt, ohne dabei Bilder oder Gedanken zu benutzen, muss es sich wohl um hörbaren, riechbaren oder fühlbaren Glauben handeln – Roland impliziert also, dass wir uns in einem vollkommen anderen Sinnesspektrum befinden als normale Menschen.

 

  • „jeder kann die Zahlen lesen“
    hier verdichtet sich der Verdacht, dass Roland eine besondere Terminologie für Wahrnehmungsempfindungen benutzt. Denn eigentlich werden Buchstaben gelesen und Zahlen berechnet.

 

  • „Ihr seid Mitschuld an den Verbrechen, die gerade unseren Kindern und Alten angetan werden“
    • Grammatikalische Abweichung: entweder „ihr habt Mitschuld“ oder „ihr seid mitschuldig“ – diese absichtliche grammatikalische Verzerrung lenkt wieder den Fokus auf den Inhalt des Satzes: Um was geht es?
    • Es geht um vermeintliche Verbrechen, die GERADE EBEN an Rolands Kindern und Rolands Alten verübt werden. Jetzt in diesem Augenblick, in dem er den Kommentar schreibt. Aber was genau geschieht, wird wieder nicht gesagt. Roland scheint da geheimes Wissen zu haben, das er nicht mit den Lesenden teilen will, aber es scheint recht konkret zu sein, denn er behauptet ja, wir seien mitschuldig an dem, was verübt wird.

 

  • „Für was? Macht? Geld? NWO?“
    • Roland stellt hier eine Frage, die er selbst gleich beantwortet, auch wenn er mit den Fragezeichen impliziert, dass er nicht ganz sicher ist, obwohl Macht und Geld natürlich überall auf der Welt sehr reizvolle Antriebsfedern für menschliches Verhalten sind.
    • NWO ist aller Wahrscheinlichkeit nach die Abkürzung für „New World Order“ bzw. „Neue Weltordnung“ – Dieser Begriff ist seit dem 14 Punkte Programm von Woodrow Wilson in Gebrauch – also schon 102 Jahre – mittlerweile ist es also eher eine Old World Order, von der hier die Rede sein sollte.
    • Tatsächlich hat die Einstreuung des Buzzwords „NWO“ an dieser Stelle wieder die Funktion, sich der Unterstützung der eigenen Gruppe zu versichern – wir erinnern uns an das Wolfsheulen.

 

  • „Nicht nur in Deutschland, nein – überall auf dieser Erde!“
    Worauf sich das genau bezieht, die Verbrechen, die Mitschuld, Macht Geld oder NWO, wird leider nicht klar. Allerdings verfestigt Roland hier seinen Geltungsanspruch entweder für eine große Gruppe – überall auf der Erde – zu sprechen oder aber als eine alt Majestät, die die ganze Erde im Blick hat

 

  • „Schämt Euch!“
    Dies ist die ultimative emotionale Erpressung der Pädagogik. Ein Kind wird auf ein soziales Fehlverhalten hingewiesen, das die Eltern/Erziehenden nicht goutieren und soll sich – um die Anerkennung der Eltern wiederzuerlangen schämen. Zwar hat die Verhaltensforschung längst gezeigt, dass so ein Shaming die Kinder noch jahrelang psychisch beeinträchtigt und das Verhalten nicht positiv beeinflusst, aber das stört Roland offenbar nicht. Denn es scheint ihm die richtige Art zu sein, seinen Kommentar zu beenden. Allerdings läuft die Aufforderung ins leere: Denn, da die Adressaten – also wir – weder Kinder sind, noch Roland nahestehen, sind wir nicht bereit, uns zu schämen, nur damit er uns (wieder) mag.

 

  • Der Kotzsmiley am Ende fasst alles zusammen: Sowohl seine eigene Einstellung als auch eine etwaige Antwort, die man auf seinen Kommentar geben könnte.

 

Fazit
Hier ist alles dabei, was man für einen Schwurbel-Kommentar braucht: Beleidigende Buzzwords (Lügenregime, Propagandapresse), identitätsstiftende Abkürzungen (NWO), Größenwahn, das Appellieren an Scham und ein Emoji am Schluss. Als Bonus noch der Klarname. Wenn ich eine Schulnote fürs Schwurbelkommentieren vergeben könnte, würde Roland eine glatte 1 bekommen.

 

Quellen, von mir, um mit Fakten das Geschwurbel zu widerlegen – diese waren im orginal Kommentar nicht dabei!

[1] RKI Infos zum PCR Test: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Vorl_Testung_nCoV.html

[2] Dashboard der Johns Hopkins Universität zum weltweiten Infektionsgeschehen: https://www.arcgis.com/apps/opsdashboard/index.html#/bda7594740fd40299423467b48e9ecf6

[3] Correctiv zum Thema Falsch Positive Tests: https://correctiv.org/faktencheck/hintergrund/2020/09/09/pcr-test-auf-sars-cov-2-warum-in-der-praxis-falsch-positive-ergebnisse-selten-sind/

[4] Was man darauf erwidern soll ist mir schleierhaft.

[5] Statistisches Bundesamt mit Zahlen zur Übersterblichkeit: https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Corona/Gesellschaft/bevoelkerung-sterbefaelle.html

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