Warum wir alles ändern müssen

Natürlich hätte man bei einem Gladiatorenkampf keinen Erfolg mit der Forderung „Schwerter zu Pflugscharen” . Auch im Bordell wird man mit der Forderung „Kein Sex vor der Ehe“ auf wenig Zustimmung stoßen. Das liegt aber weder an einer absoluten Unerfüllbarkeit der Forderungen noch an einer Unmenschlichkeit der Situationen, sondern an ihrer Kombination. In der Gladiatorenschule könnte „Kein Sex vor der Ehe“ von einigen befürwortet werden und im Bordell findet man sicher Menschen, die nichts gegen „Schwerter zu Pflugscharen“ haben.  Dies zeigt, dass der menschliche Kontext je nach Situation die Umsetzung bestimmter Handlungsanweisungen nicht nur erschwert, sondern sogar unmöglich macht. Dies ist bei unterschiedlichen, weniger folgenschweren Handlungen ärgerlich oder anstrengend aber nicht weiter schlimm.

Schlimm ist es, wenn Menschen sich eine die eigene Existenz bedrohende Lebensweise angewöhnt haben, deren Lösungsmöglichkeiten den oben genannten Konflikten entsprechen, weshalb die Lösungen abgelehnt werden.

Es ist nicht zu erwarten, dass Menschen, deren Lebenswelt und Sozialisation auf dem Kapitalismus beruht, sich von der Kapitalismuskritik so grundlegend beeinflussen lassen, dass sie ihren Lebenswandel von heute auf morgen aufgeben und gegen die Regeln und Traditionen des Systems agieren werden. Eine schleichende Akzeptanz durch Bildung und Gewöhnung ist möglich, wenn auch nicht massenhaft zu erwarten, da die sich selbst verstärkenden Kräfte des Kapitalismus (Leistungsbelohnung, Anerkennung, Bequemlichkeiten, Privilegien) den Kräften der Vernunft ständig entgegenwirken. Tatsächlich haben wir als Menschheit aber keine Zeit mehr, um darauf zu warten, dass sich innerhalb der nächsten Generationen eine vernunftorientierte Lebensweise irgendwann durchsetzen wird. Wir müssen jetzt handeln, bevor es zu spät ist.

Solange die Welt mit ihren Ressourcen schier unerschöpflich, und der Mensch nur ein kleiner Teil darin war, der gegen die Naturkräfte und in Konkurrenz zu anderen Tieren um Lebensraum, Nahrung und Ressourcen kämpfen musste, war es für sein Überleben notwendig, alles zu dominieren und nach seinem Willen zu ordnen. Je selbstbestimmter die Menschen leben und über die Beschaffung und Verteilung der Güter entscheiden konnten, desto größer die Überlebenswahrscheinlichkeit. Aus diesem Blickwinkel erscheint sinnvoller, einen Apfelbaum zu pflanzen, als darauf zu hoffen, zufällig einen Apfelbaum zu finden, und sinnvoller, Tiere zu züchten, als ihnen hinterherzujagen. Es scheint außerdem sinnvoller, die Ressourcen der Erde für unser Überleben, unseren Fortschritt und unsere Bequemlichkeit zu nutzen, anstatt sie ungenutzt im Boden zu belassen.
All dies scheint intuitiv richtig, aber nur bis zu einem bestimmten Punkt. Dieser Punkt ist (für jede Ressource zu einem bestimmten Zeitpunkt) dann erreicht, wenn durch das Ausbeuten der Ressource insgesamt mehr Schaden als Nutzen entsteht.

Heutzutage ist der Mensch nicht mehr nur ein Lebewesen unter vielen auf diesem Planeten, sondern die maßgeblich alles andere bestimmende Art. Abgesehen von epidemiologischen, klimatischen, geologischen oder kosmischen Umweltkatastrophen gibt es keine äußeren Gefahren mehr für den Menschen. Alle Tiere sind unterjocht, alle lebensfeindlichen Regionen der Erde kartographiert, alle Gefahren soweit bekannt, dass sie beherrschbar oder zumindest vermeidbar sind. Der Mensch hat alles so eingerichtet, wie es für ihn am besten erscheint. Aber wir sind nicht an diesem Gleichgewichtspunkt geblieben. Schon seit Jahrzehnten beuten wir die Erde über die Maßen aus.

Es ist längst bekannt, dass wir über unsere Verhältnisse leben, dass wir Erde, Tiere, Pflanzen, Luft, Wasser und viele andere Ressourcen so verbrauchen, dass sie sich nicht mehr regenerieren können und es nur eine Frage der Zeit ist, bis ein Mangel eintritt, der das bisherige Wachstum der Menschheit (Bevölkerung, Wirtschaft, Bequemlichkeit, usw.) in ihr Gegenteil kippt. Der Klimawandel ist nur einer dieser Tipping Points, wenn auch der prominenteste. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass auch das Artensterben, die Plastikepidemie, Wasser- und Flächenverbrauch sowie alle anderen Formen des nicht nachhaltigen Ressourcenverbrauchs ihre jeweils eigenen Tipping Points haben. Wann diese jeweiligen Tipping Points erreicht sein werden, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Einige Tatsachen sind aber klar:

  1. Unsere Weltwirtschaft ist darauf ausgelegt, von zwei Alternativen diejenige zu wählen, die profitabler ist, als die andere. Solange also eine Hinwendung zum Tipping Point profitabler ist, als  die Abwendung, werden wir weiterhin darauf zusteuern, auch wenn wir wissen, dass uns nach dem Tipping Point ein viel größerer Schaden erwartet.
  2. Wenn wir es nicht schaffen, die externen Effekte, die nach dem Tipping Point kommen, jetzt schon in unsere wirtschaftlichen Berechnungen so zu integrieren, dass es profitabler ist, sich vom Tipping Point weg als darauf zuzubewegen, werden wir zum Tipping Pont und darüber hinaus gelangen.
  3. Auch wenn sich durch den Kapitalismus die mittlere Lebensqualität der Menschheit bislang verbessert hat, wird sie sich nach dem Tipping Point (möglicherweise mit Verzögerung) stetig verschlechtern.
  4. Diejenigen, die im jetzigen System von der Ressourcenausbeutung am meisten profitieren, haben den größten wirtschaftlichen und politischen Einfluss. Es sind vergleichsweise wenige Individuen, deren Handlungen über die Lebensumstände vieler Menschen entscheiden. Diese wenigen Individuen haben genug Ressourcen, um sich den negativen Effekten nach dem Tipping Point entziehen zu können. Ihr persönliches Interesse an einer Abkehr vom Tipping Point ist daher vermutlich geringer als das durchschnittliche Interesse der restlichen Weltbevölkerung!

Aufgrund dieser Erkenntnisse ist es nicht zu erwarten, dass sich die Menschheit rechtzeitig von den Tipping Points wegbewegen wird. Die einzige Chance, weiterhin die Lebensqualität bzw. das Überleben der Menschheit zu sichern, besteht darin, das oben beschriebene kapitalistische System abzuschaffen und ein neues vernunftbasiertes System zu entwickeln, das allen eine faire Teilhabe an den Ressourcen der Erde ermöglicht und zwar in einer Weise, die das Überleben der gesamten Spezies zum Ziel hat.

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