Lesung mit Musik und Diskussion im ACUD

Am 10.12.19 war ich im ACUDhttp://www.acud.de/ in Berlin zu einer ganz besonderen Lesung.

Das Thema des Abends, der vom KOOK e.V. veranstaltet wurde,  lautete „Hurra, die Welt geht unter – Die Lust am Dystopischen“.

[Fotos: © KOOK e.V. / Mirko Lux ]

Mit von der Partie waren außer mir noch Philipp Schönthaler und Eckhart Nickel, die wie ich jeweils eine Viertelstunde aus ihren aktuellen Büchern lasen. Zwischendrin sorgte Chris Imler für musikalische Unterhaltung.

Laut Plan hätte um 18:30 Uhr der Soundcheck beginnen sollen. Als ich mit einiger Verspätung um kurz nach halb 8 zum ACUD Club kam, stand Chris gerade mitsamt seinem Soundequipment auf dem Gehweg und versuchte, alles hineinzuschleppen. Mit vereinten Kräften schafften wir es, alle Musikinstrumente meist wohlbehalten auf die Bühne zu bringen. Und dann ging es los. Chris schraubte in Windeseile sein Schlagzeug, seine E-Drums und seine Konsole zusammen, auf der er ebenfalls mit den Drumsticks vorkomponierte Effekte, Melodien und Soundmixes abspielen konnte. Dann begann der Soundcheck. Auch als kurz nach acht das Publikum bereits hereinströmte und der Raum bis auf den letzten Platz voll wurde, ließ sich Chris nicht aus der Ruhe bringen und bastelte weiter am Sound. Er entschuldigte sich für die Verspätung und berichtete dem Publikum von einer Theaterproduktion, die leider etwas länger gedauert hatte, als geplant. Ich war zugegebenermaßen etwas skeptisch, als ich die ersten Testsounds hörte und irgendwann scheuchte der Moderator Tim Holland den Musiker auch von der Bühne, um Platz für die ersten zwei Lesungen zu machen. Als erstes las Philipp aus seinem Roman „Der Weg aller Wellen“, in dem ein Silicon Valley Mitarbeiter von einem Algorithmus davon abgehalten wird, zur Arbeit zu kommen und dadurch in immer größere Schwierigkeiten gerät. Danach war ich mit einer 15-minütigen Passage aus „Die Unvollkommenen“ dran. Im Anschluss wurde Chris wieder auf die Bühne gebeten. Zur Einstimmung stellte ihm Tim noch ein paar Fragen, deren Beantwortung Chris ganz keck zum weiteren Soundcheck verwendete. Wir im Publikum waren gleichzeitig verwirrt und unterhalten und nun sehr gespannt, wie die Musik denn werden würde. Und was soll ich sagen? So ein Spektakel habe ich selten erlebt! Zu Anfang noch etwas wild und verwirrend, wurde Chris‘ Auftritt (je weiter der Live-Soundcheck mit der Live-Performance einherging) mit jeder Minute wilder, hypnotisierender und mitreißender.

Nach der Pause las Eckhart aus seinem Roman „Hysteria“ vor – und das in einem besonderen Outfit. Ein gemeingefährliches Möbelstück aus seinem Haushalt hatte ihm im Laufe der Woche nicht nur einen sondern beide Daumen so sehr abgequetscht, dass Eckhart sich außerstand sah, dem Publikum diesen optischen Makel zuzumuten, weshalb er die fraglichen Daumen mit schwarzen Lederhandschuhen zu überdecken suchte. Da ihm am Vortag jedoch einer der beiden abhandengekommen war, konnte er nur mit einem Handschuh lesen, was ihm im düsteren Ambiente des ACUD Clubs den Anschein eines Bond Bösewichts gab und seinen Worten damit noch mehr Gewicht verlieh, als er aus seinem Roman die Zehn Gesetze des Spurlosen Lebens vortrug.

Als im Anschluss Chris noch einmal auf die Bühne kam, um noch mehr Stücke zu spielen, gerieten die Zuschauer außer Rand und Band! Chis‘ Musik war verrückt, sie war witzig, sie war der Wahnsinn!

Ich hätte noch viel länger zuhören können, aber es war ja noch eine Diskussionsrunde geplant. Tim fragte uns, warum Dystopien im Augenblick so im Trend liegen und warum es Utopien so schwer haben. Ich bin ja selber ein großer Fan von der Idee, dass wir mit den Dystopien (so viel Spaß sie beim Lesen und Schreiben auch bereiten) langsam Schluss machen und wir uns den Utopien zuwenden sollten, um positive Visionen für die Gesellschaft zu entwickeln. Ich glaube, dass die Literatur einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Motivation der Menschen leistet und dass wir als Künstler*innen daher eine Aufgabe und auch eine große Verantwortung haben. Natürlich kann man Geschichten auch einfach nur so und völlig unpolitisch schreiben und lesen. Aber wenn ich schon einmal die Möglichkeit habe, dass Menschen mir zuhören, weil sie meine Bücher lesen – dann möchte ich diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Die Gesellschaft besteht aus Individuen, die mit ihren Wertvorstellungen und ihrem Handeln das Gesamtkonstrukt formen. Wir alle haben jederzeit die Möglichkeit, das Gesamte durch unser Handeln positiv zu beeinflussen. Es lohnt sich, daran zu glauben und dafür einzustehen!

Chris war nach eigenem Bekunden etwas pessimistischer – was seiner Meinung nach auch zu Berlin als Stadt passe, aber es scheint ein humorvoller Pessimismus zu sein, denn wir hatten nichtsdestotrotz einen sehr interessanten und witzigen Abend. Es war genial, mit so vielen abwechslungsreichen Künstlern, Ansichten, Geschichten, Diskussionen und Musik die Bühne zu teilen! Vielen herzlichen Dank an das Team von ACUD, die Leute von KOOK und nicht zuletzt das Publikum. Es war toll!

 

 

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